Datenskandal: Millionen Rezeptdaten der Krankenkassen illegal weitergegeben

Hamburg, 13. Februar 2012. Jahrelang wurden illegal und ohne jede Rechtsgrundlage Daten der in den gesetzlichen Kassen versicherten gesammelt. Diese Daten verraten im Detail, wer welche verschreibungspflichtigen Arzneien braucht. Von diesem wohl größten Skandal im Medizinsektor berichten auch das Magazin Spiegel und der Online Nachrichtendienst Golem, die sich auch auf die Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters einer Firma Pharmafakt stützen.

Diese Firma GFD Pharmafakt ist ein Unternehmen, das Rezeptabrechnungen der Apothekenrechenzentren auswertet. Man beliefert nach eigenem Bekunden Marketing und Marktforschung der pharmazeutischen Industrie. Dort werden diese Daten auch für den Außendienst- und das Vertriebsmanagement gekauft und verwertet. Wofür diese vertraulichen Patientendaten der Industrie genau nützen, bleibt zunächst nebulös.

Betroffen sind wohl in erster Linie die Daten der Kassenpatienten über erstattungsfähige Arzneimittel oder Heilbehandlungen, während die Verschreibungen, die über die private Krankenversicherung abgerechnet werden, weiter ihren vertraulichen Charakter beibehielten.

Die beiden größten deutschen Apothekenrechenzentren sollen illegal mit den Verschreibungs- sowie den persönlichen Daten auf etlichen Millionen Rezepten gehandelt haben. Der Landesdatenschützer von Schleswig Holstein Weichert bestätigte dem Spiegel gegenüber: “Die Unterlagen, die uns in Auszügen zugespielt wurden, scheinen valide zu sein” und mutmaßt: “Sie könnten einen der größten Datenskandale der Bundesrepublik im Medizinbereich aufdecken.”

Dem Online Nachrichtendienst Golem sagte Weichert, dass dem Landesdatenschutzzentrum Schleswig-Holsteins Unterlagen vorgelegt wurden, “an deren Seriosität wir keine Zweifel haben und die belegen, dass illegal personenbeziehbare Daten an die Pharmaindustrie weitergegeben werden.”

Die Daten sind dem Vernehmen nach von Anfang an nicht nur für ihren eigentlichen Zwecke, nämlich Abrechnungsgrundlage zu sein, benutzt worden. Sie wurden laut des ehemaligen Pharmafakt-Beschäftigten dazu verwendet, sie an die Pharmaindustrie zu verkaufen. Auf Anweisung des Geschäftsführers Dietmar Wassener von GFD habe er jahrelang unverschlüsselte, nicht anonymisierte Rezeptdateien von den Apothekenrechenzentren bezogen. Die Unterlagen bestehen wohl aus nicht anonymisierten Daten. Auch ein direkter Bezug zum jeweilig verschreibenden Arzt sei herstellbar. Das damit natürlich gezielten Vertriebs- und wie auch immer gearteten Verkaufsförderungsmaßnahmen der Pharmavertriebe Tür und Tor geöffnet wurde, versteht sich selbstredend. Weichert dazu „Uns liegen Aussagen von Ärzten vor, dass auf der Grundlage dieser Daten praxisbezogene Vermarktungsmaßnahmen durch die Pharmafirmen erfolgten. Leider ist aber – wohl aus Angst vor Repressalien – bisher keiner der Ärzte, die uns dies mitteilten, bereit, diese Aussage öffentlich zu bestätigen.”

Hinweise darauf, dass die Daten ausschließlich zu wissenschaftlicher Forschung benutzt wurden, sieht Weichert nicht. Wassener, Geschäftsführer der Pharmafakt GFD streitet die normalerweise als äußerst seriös bekannten Vorhaltungen des Spiegel ab, er sagte: “Entgegen den im Spiegel nun formulierten Vorwürfen hat die GFD keine personenbezogenen Daten von Versicherten weitergegeben. Auch ein Verkauf von Daten fand nicht statt – sämtliche Daten waren lediglich die Grundlage für die Erstellung von Studien.” Welche Studien damit gemeint sein könnten, bleibt unklar. Im Versicherungsvergleich würde wohl allenfalls die Kostenträgerschaft der Medikamentierungen zu untersuchen sein.

Die Apothekenrechenzentren scannten die Rezepte und verarbeiteten die so gewonnen Daten dann im Auftrag der Apotheker zur Abrechnung mit den Krankenkassen. Nach dem Sozialgesetzbuch dürfen laut Wassener die Daten auch zu Studienzwecken weitergegeben werden. Das der Gesetzgeber mit diesen Studien allerdings die hochprofessionellen Vermarktungsschienen der Pharmakonzerne meinte, ist hingegen nur schwer vorstellbar.